02.02.2019 | Werkstatt | 1:45h ohne Pause | Altersempfehlung 14+

Gerron


Figurentheater und Schauspiel nach dem Roman von Charles Lewinsky
Uraufführung


In Charles Lewinksys düsterem, weitgehend auf Tatsachen beruhendem Porträt des Künstlers Kurt Gerron, stellt sich die Frage der Moral, die zum Kräfte zehrenden Kampf mit sich selbst führt. Am Theater Konstanz wird nun die Geschichte Gerrons mit Schauspieler*innen und Puppen neu belebt.

Kurt Gerron, der ehemalige Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs und Filmstar der Zwischenkriegszeit, ist im nationalsozialistischen System nur noch Jude. Als er im Frühjahr 1944 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wird, sind seine Eltern bereits in Sobibor ermordet worden. Dort bekommt er den Auftrag, einen Film zu drehen, der das erniedrigende Dasein der Juden als Paradies schildern soll. Trotz des bevorstehenden Kriegsendes und seiner Gewissensbisse entscheidet er sich, den Film zu machen. Das Leben von vielen hängt jetzt von ihm ab: denn solange sie drehen, gibt es für die Darsteller*innen keine Deportation.

Im Theater Konstanz führt ihn ein Puppenspieler, und das Bild ist sprechend: Kurt Gerron ist am Ende seines Lebens das Werkzeug der Nazi-Verbrecher.
… Auf der Bühne nämlich findet die Titelfigur ihre ideale Form: Annette Gleichmann, die ehemalige Direktorin Puppentheater am Theater Plauen-Zwickau, hat eine Fassung aus Figurentheater und Schauspiel geschrieben und inszeniert - das Ergebnis ist schlechterdings überwältigend. Der Darsteller als Puppe, die Puppe als Darsteller, Gerron ist in Konstanz das Mischwesen, das der gebrochenen Natur von Wahrheit entspricht: Die Kunst- und Künstlerfigur wird zum personifizierten moralischen Dilemma als Puppe und Schauspieler in einem.
… André Rohde leiht Gerron seinen Körper, die Puppenspieler Magdalene Schaefer und Sebastian Fortak führen das Kind und den Erwachsenen, so glückt eine Lesart, die Wahrheit verhandelt aber nie behauptet. Wer Identität derart zergliedert wie Annettte Gleichmann, und wer das Grauen so erzählt, erzählt auch, dass beides im Grund nicht erzählbar sei.
Daniele Muscionico, NZZ, 18.2.19
Dass die Hauptfigur – und nur sie – in doppelter Gestalt: als Puppe und als Mensch auftritt, schafft eine Distanz, die die Inszenierung vor Pseudorealismus und jedem Hineintappen in die Betroffenheitsfalle bewahrt. Kurt Gerron, bis zur Verausgabung verkörpert von André Rohde, bleibt ein vielschichtiger, ambivalenter Charakter.
… Die beiden Schau- und Puppenspieler Magdalena Schaefer und Sebastian Fortak stellen in der knapp zweistündigen Produktion eine erstaunliche Verwandlungskunst unter Beweis: Fortak agiert ebenso überzeugend als Lagerkommandant Karl Rahm wie als Führer der Puppe von Kurt Gerrons lebensklugem Großvater, Schaefer wechselt spielend von der Rolle als Gerrons Ehefrau Olga Gerson zu dem naturgemäß von einer Puppe dargestellten Kind Kurt, das dem Opa Löcher in den Bauch fragt. So switcht dieses intime Kammerspiel mit seinen drei Darstellern auf Ira Hausmanns und Janna Skroblins – sie sind hauptsächlich für den Puppenbau verantwortlich – provisorisch anmutender Bühne ständig zwischen Schau- und Puppenspiel hin und her.
… Und fast behält man die Gerron-Puppe mit ihren tiefliegenden dunklen Augen, den abstehenden Ohren und den buschigen Augenbrauen stärker im Gedächtnis als den Gerron-Darsteller. Wie sie in einer Szene auf der Kante eines sich immerzu drehenden Koffers entlang balanciert, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend: Das prägt sich ein als ein starkes Bild für Kurt Gerrons tragische Reise ins Nirgendwo. In diesen Augenblicken wartet André Rohde mit dunkel brennendem Blick im Dunkel am Szenenrand. Auf ihm lastet spür- und sichtbar das Geschick seiner Figur. Am Ende deliriert Rohdes Kurt Gerron im Fieberwahn: Und über seinen zuckenden, sich in der ganzen Existenzqual aufbäumenden Körper kriecht buchstäblich seine Kindheit. In diesem finalen Höhepunkt der Inszenierung, in der simultanen Materialisierung zweier Bewusstseinszustände und zweier Zeitebenen zeigt sich, was Figurentheater leisten kann. Das Theater Konstanz hat jetzt mit dieser kleinen, aber umso bemerkenswerteren Produktion einen ungewöhnlichen Weg beschritten, um Kurt Gerron auf der Bühne auferstehen zu lassen. Chapeau.
Bettina Schulte, Badische Zeitung, 7.2.19
Diese Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Selbstbildwahn wird von Rohde in ihrer ganzen tragischen Dimension ausgespielt, mit Magdalene Schaefer als Olga, die eher zur Stichwortgeberin wird. Der Gefahr, bloßes Betroffenheitstheater zu provozieren, entgeht Gleichmann geschickt, indem sie der „aktuellen“ Theresienstadtebene, die im Spiel der Darsteller*innen entsteht, eine zweite gegenüberstellt: In Rückblenden werden Szenen aus der Vergangenheit erzählt, die mit Puppen verkörpert werden. Das sind Szenen aus der Kindheit mit dem Großvater, im Schützengraben des 1. Weltkrieges, wo Gerron schwer verletzt wird oder das Kennenlernen von Olga. Diese Szenen schaffen zum fast unerträglichen moralischen Konflikt eine Distanz nicht nur durch den Humor, der den Texten eingeschrieben ist, sondern auch durch die Brüche, die Magdalene Schäfer und Sebastian Fortak im ständigen Switchen zwischen Schau- und Figurenspiel zu bewältigen haben.Manfred Jahnke, fidena, 19.2.19
Vorzüglich ist die schauspielerische Leistung: André Rohde als zerquälter Gerron, immer wieder aufgerichtet durch seine Frau Olga, der Magdalene Schaefer ebenso berührende Züge verleiht wie der verhuschten Sekretärin, die man Gerron zur Seite stellt. Ebenso wandlungsfähig ist Sebastian Fortak, ob als eiskalter SS-Mann Rahm oder als früherer Psychologieprofessor, der noch als Kloputzer Philosoph bleibt. Ebenso berührend führen die drei die wechselnden Puppenfiguren, die das Spiel erweitern. Eine eindreiviertelstündige Aufführung, die nachhallt.
Christel Voith, Schwäbische Zeitung, 11.2.19
Als dichtes Kammerspiel über den Holocaust kam am Theater Konstanz «Gerron» zur Uraufführung. Annette Gleichmanns Bühnenfassung von Charles Lewinskys Roman beeindruckt auch durch hohe Puppenspielkunst.
… der Abend wird auch zu einem Lehrstück darüber, was Puppentheater auf hohem Niveau zu leisten vermag.
…Vielschichtig und beeindruckend wird in Konstanz die Beschäftigung mit dem Grauen im Lager ausgestaltet.
…André Rohdes Schauspiel ist eng verflochten mit dem Spiel der Puppen, mit dem, was Magdalene Schaefer und Sebastian Fortak ins Leben rufen. Zart und manchmal verspielt zeigt er Gerron in manchen Momenten mit seiner ebenfalls geschundenen Frau, um dann wieder von den Dämonen der Erinnerung verfolgt zu werden…
… Zu alldem kommen Filmsequenzen und die wunderbare Musik, die Andreas Kohl aus der Musikgeschichte geschürft hat. Das hallt nach.
Brigitte Elsner-Heller, St.Galler Tagblatt Online, 3.2.19
Wenn Schauspieler auf der Bühne eine Puppe führen, passiert im positiven Fall etwas Erstaunliches. Es entsteht ein Kraftfeld zwischen Mensch und Figur.
Dieses kleine Wunder passiert gerade in der Werkstatt des Konstanzer Stadttheaters in „Gerron“, der ersten Theateradaption des Romans von Charles Lewinsky.
Da werden nicht Puppen zum Leben erweckt – das Erweckungserlebnis ist gegenseitig.

…Die Vervielfältigung der Figur ist auch deshalb eine gelungene Sache, da so das Innenleben des Kurt Gerron nach außen treten kann, zumal es genau das ist, was den fiktionalen Anteil
des Romans ausmacht.
Maria Schorpp, Südkurier, 5.2.2019
Ein drehbarer offener Holzverschlag markiert den Wohnraum von Kurt Gerron und seiner Frau Olga, wenige Requisiten werden zur Bühne für die drei Schau- und Puppenspieler. Durch die Verzahnung beider Elemente wird eine Brechung erreicht, die in der Tradition bester Brecht´scher Verfremdung steht, den Zuschauer hineinzieht und gleichzeitig Zuschauer sein lässt.
…Großartig sind die Leistungen der Spieler: Magdalene Schaefer, die abwechselnd Gerrons liebende Frau Olga, aber auch seine verhuschte Sekretärin spielt. Die Rollenwechsel gelingen überzeugend in schnellen Schnitten. Ebenbürtig
Sebastian Fortak als SSler Rahm und in anderen Rollen, im Mittelpunkt ein eindringlicher André Rohde als erniedrigter, um seine Identität kämpfender Gerron. Ein Stück zum Atemanhalten und Reflektieren: Brecht´sche Verfremdung par excellence.
Helmut Voith, Vorarlberger Nachrichten, 8.2.19